Internetportal Queer.de zum Buchautor Kurt Martens vor 100 Jahren im Juli 1921 - Eine erfrischend ehrliche Autobiografie: Schade, daß wir uns nicht schon als Knaben begegnet sind!

Kurt Martens: "Nach einem Tagebucheintrag von Thomas Mann tauschten sie sich u.a. über Curt Morecks homoerotischen Roman "Die Pole des Eros" aus, der eine auffallende Nähe zu Manns Novelle "Der Tod in Venedig" hat"

Kurt Martens (1870-1945) hat zwischen 1898 und 1941 rund 30 Romane veröffentlicht. Welche Einstellung er zur Homosexualität hatte, ist schon ab 1899 dokumentiert, weil er zu den Erstunterzeichnern der Petition zur Legalisierung der männlichen Homosexualität gehörte. Queer.de beschreibt Martens auch als Kind in "Schonungslose Lebenschronik" (1921). Sein in Bezug auf Homosexualität deutlichstes Werk ist seine Autobiografie bzw. seine "Lebenschronik", die er vor genau 100 Jahren publizierte. Im Alter von fünf Jahren sah er einen nackten Jungen beim Baden und begriff in diesem Augenblick, dass es "dies war, was ich mir immer schon ersehnt". Im gemeinsamen Schlafsaal gab es unter den Jungen in seinem Alter sexuelle Spiele – so wurde der "Begattungsakt andeutungsweise nachgeahmt". Auch bei Martens gab es mit zwölf Jahren schon "eine erhöhte Empfänglichkeit für Sonderfreundschaften" wie zu einem Jungen namens Adolf, den er wochenlang eng umschlang. Für Martens war der erste Kuss mit einem anderen Jungen etwas, neben dem all seine späteren Liebesaffären "verblassten". Dieser Kuss besiegelte nicht nur die Freundschaft – er war für Martens ein "Posaunenstoß der Liebe, Auftakt zur großen Passion".....! Im heutigen Zeitgeist ist es kaum noch denkbar, dass eine solche Autobiografie erscheint, die einen aktuellen Bezug zu einem gegenwärtigen Autor hat. Dabei sind solche homoerotischen und päderastischen Beziehungen nicht weniger geworden, sondern eher mehr. Werden aber seit den 1990er Jahren zunehmend stigmatisiert und müssen im Geheimen gelebt werden. Die sexuelle Aufklärung in den 1970er & 1980er Jahre hat nicht die Früchte getragen, die man damals noch erwarten konnte. Im Internetzeitalter 2021 hat sich ein Rückschritt vollzogen, der an düstere Zeiten deutscher Geschichte erinnert. Die alltägliche Realität steht im krassen Widerspruch zur Aufklärung von Kindern & Jugendlichen. Der "Kinderschutz" dominiert die öffentliche Wahrnehmung, die mit dem realen Leben der Kids nichts mehr gemein hat. Es wächst eine Generation von Kindern & Jugendlichen heran, die ihre Gefühle und Sexualität nicht mehr offen kommunizieren können. Die psychischen Folgen sind verheerend und werden sich erst im späteren Alter offenbaren. Das gesellschaftliche Klima von heute ist dermaßen sexualfeindlich, dass sich die Kids ihre eigenen Wege suchen müssen und finden werden.... 

https://www.queer.de/detail.php?article_id=39414



(Gemälde von Max Liebermann) 

Zitate

In Luzern lernte Martens 1898 – zu diesem Zeitpunkt wohl 28 Jahre alt – einen Schweden kennen. Dieser schmiegte sich an ihn, sprach von Liebe und bot ihm an, mit auf sein Zimmer zu kommen. Für Martens war dies "viel zu interessant, als daß ich brüsk abgelehnt hätte". Weil der Schwede "immer wieder auf seine unlauteren Absichten" zurückkam, wurde Martens deutlich: "Ihren liebenswürdigen Gefühlen bringe ich alle Anteilnahme entgegen, aber Gegengefühle wecken Sie wahrhaftig nicht. […] Wie schade, daß wir uns nicht schon als Knaben […] begegnet sind! Da hätte sich eher darüber reden lassen."

(Foto Wilhelm von Glöden)

Zitate

Zuerst halten sich die "verbotenen Begierden zurück". Es ist "die echte, die drängende, begehrende Liebe", die ihn zu unterschiedlichen "Gefährten trieb, aber das starre Naturgesetz der Fortpflanzung konnte diese zwecklosen Reizungen nur verdammen". Obwohl ihm einige Mädchen wie "ausdrucklose Puppen" vorkommen, hätte er gerne auch etwas mit Mädchen gehabt, "nach denen mein natürlicher Instinkt doch endlich verlangte". Bei den Jungen ist es anders, mit ihnen will er eine "Vereinigung mit dem Geliebten", er will sie umschlingen und küssen.

 

(Zeichnung von Christian Schad)

Zitate

Kurt Martens lernte 1899 (den nicht schwulen, aber zumindest männerbegehrenden) Thomas Mann kennen und wurde einer seiner wenigen Duz-Freunde. Mann widmete Martens 1903 den "Tonio Kröger", Martens widmete Mann 1904 die Novellensammlung "Katastrophen". In ihren jeweiligen Selbstzeugnissen gingen beide auf den jeweils anderen ein. Nach einem Tagebucheintrag von Thomas Mann tauschten sie sich u.a. über Curt Morecks homoerotischen Roman "Die Pole des Eros" aus, der eine auffallende Nähe zu Manns Novelle "Der Tod in Venedig" hat (Tagebucheintrag, 19. März 1919). Ein Jahr später zeigte sich Thomas Mann von Martens Buch "Schonungslose Lebenschronik" sehr beeindruckt (Tagebucheintrag, 1. Juli 1920). Die ausgetauschten Briefe sind heute alle publiziert.  


 

Queer.de: Zum 100. Jahrestag eines Coming-Out-Briefes des Schriftstellers Thomas Mann * K13online: Im heutigen Zeitgeist hat die Inquisition homosexueller Pädophilie begonnen 04.07.2020

 

https://krumme13.org/news.php?s=read&id=4199

geschrieben von K13online-Redaktion am 11.07.2021 Drucken

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