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Text - Charite: Statement - Prof. Dr. Ganten(Charite)
Statement von Prof. Dr. Detlev Ganten, Vorstandsvorsitzender der Charite Berlin

Sexueller Kindesmissbrauch als wichtiges Thema der Humanwissenschaften

Die Auseinandersetzung mit menschlicher Geschlechtlichkeit ist eine ursprüngliche Berliner Wissenschaftstradition, die auf den Universitätsgründer Wilhelm von Humboldt selbst zurückgeht und dann zunächst außeruniversitär weiterentwickelt wurde (Begründung der Sexualwissenschaft als Fach durch den Dermatologen Iwan Bloch 1906; Errichtung des ersten Instituts für Sexualwissenschaft in Berlin durch den praktischen Arzt Magnus Hirschfeld 1919).

Auch damals bestand keine Scheu, sich mit schwierigen klinischen Fragestellungen auseinander zu setzen und in dieser Tradition steht das 1996 hier an der Charite begründete sexualmedizinische Institut, was mit dem jetzt beginnenden Projekt „Prävention von sexuellem Kindesmissbrauch im Dunkelfeld“ eindrucksvoll unter Beweis gestellt wird. Denn das (seit langem bekannte) "Dunkelfeldproblem" wird hier erstmalig mit Blick auf die Täter wissenschaftlich aufgearbeitet: Therapie potenteieller Täter soll dem Schutz potentieller Opfer dienen.

Dies ist verdienstvolle Prävention: Weniger bekannt ist nämlich, in welchem Umfang das Gesundheitssystem mit den Folgeproblemen sexuellen Kindesmissbrauchs befasst sein dürfte; dies betrifft nicht nur die Frühfolgen (und damit kindliche Patienten), sondern auch die Spätfolgen (und dann Erwachsene), die mit einem erhöhten Maß an Depressionen, psychosomatischen Symptomen und Angststörungen sowie auch einem erhöhten Maß an Substanzabusus einhergehen können. All das sind Störungsbilder, mit denen das Gesundheitssystem sehr häufig zu tun hat, ohne dass die sexuelle Traumatisierung als eine ihrer möglichen Ursachen wissenschaftlich hinreichend untersucht wäre. Es gibt hier Forschungsdefizite und offensichtlich auch sehr zurückhaltende Forschungsförderung.

Hinsichtlich der Kindesmisshandlungen, die - auch den deutschen Daten zufolge - nicht selten mit sexuellem Kindesmissbrauch verknüpft sind, ist für die USA errechnet worden, dass im Verhältnis zu 100 $, welche die diesbezüglichen Versorgungskosten ausmachen, lediglich 0,05 $ für Forschungsvorhaben zur Prävalenz, zu den Ursachen und zur Prävention ausgegeben werden. Bei den Krebserkrankungen sieht das Verhältnis anders aus. Auf 100 $ für Versorgungskosten kommen 2 $ für Forschung (1).

Mit Blick auf die (zu vermutenden) enormen ökonomischen und (zweifelsfreien) emotionalen Kosten des sexuellen Kindesmissbrauchs ist es überfällig, dass hier ein Anfang gemacht wird, Möglichkeiten der Prävention auch über die Täterseite genauer zu erforschen, um diese – wenn sie sich bewähren sollten - dann breiter in die Versorgungsstrukturen zu implementieren.

Auf dieses Erfordernis ist gerade kürzlich im Wissenschaftsmagazin Science ausdrücklich hingewiesen worden (2) und es ist der Volkswagenstiftung sehr zu danken, dass sie sich als erste Organisation für Wissenschaftsförderung dieses schwierigen Themas angenommen hat.
geschrieben am 09.06.2005
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Autor K13online & Projekt
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